PAUL NELLEN:Frankreich: Wo der Judenhass zur Normalität wird

Was haben diese vier namhaften Franzosen gemeinsam: Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, Ex-Premier Manuel Valls, der Sänger Charles Aznavour und Gérard Depardieu, der Filmschauspieler, den man als den gemütlichen Obelix aus den Asterix-Filmen kennt?

Sie alle sagen noch nicht, dass es jetzt für französischen Juden „Zeit“ sei „zu gehen“. Denn genau das wollen sie ja verhindern, obwohl es dafür fast schon zu spät ist – französische Juden stellen schon seit Jahren die größten Kontingente, die nach Israel emigrieren. Trotzdem und vielleicht in letzter Minute haben jene vier Prominenten kürzlich ein Manifest unterzeichnet, das vor der zunehmenden Vertreibung der französischen Juden durch den Neo-Antijudaismus von rechts, von links und besonders vonseiten muslimischer Einwanderer warnt. Die Londoner TIMES berichtete darüber am 23. April dieses Jahres („French Jews ‚face ethnic cleansing by Islamists‘“), just zu der Zeit, als auch in Deutschland die Diskussion über antijüdische Vorfälle auf deutschen Straßen und Schulhöfen losbrach.

Immer mehr schiebt sich in den Ländern der europäischen Masseneinwanderung die Frage in den Vordergrund, ob mit der wachsenden Anzahl von Muslimen ursächlich auch der Anstieg des registrierten Antisemitismus verbunden ist. Welche positive Resonanz die arabische und iranische Israelfeindlichkeit gerade auch unter europäischen Linken und Linksliberalen erfährt, kann man jedes Jahr beim sog. „Al-Quds-Tag“ in Berlin erfahren, wenn tausende Muslime unter wohlwollend-beschwichtigender Assistenz linker Parteien und Meinungskartelle „Tod Israel“, „Völkermörder Israel“ oder auch ganz offen „Juden ins Gas!“ rufen. Konsequenzen? So gut wie keine.

Vereint im Kampf gegen Israel

Die linksorthodox-islamische Zusammenarbeit beim Kampf gegen Israel, aber auch bei der Preisgabe aufgeklärt-säkularer Errungenschaften der Moderne kommt keineswegs von ungefähr, legt jetzt der Basler Philosoph Stefan Zenklusen (*1966) in seinem im HINTERGRUND-Verlag erschienenen Essay „Islamismus und Kollaboration“ dar. Zenklusens Fokus ist auf Frankreich gerichtet. Was er von dort berichtet – „Der Beitrag von französischen und europäischen Linken und Liberalen bei der Errichtung des Islamismus und Antisemitismus“ heißt es im Untertitel –, wirkt von außen her gleichwohl wie ein Blick auf eine gesellschaftlich-politische Laborschale, in der sich gefährliche und noch gar nicht richtig begriffene Reaktionen, Verbindungen und Prozesse abspielen. Mit denen haben auch andere Länder dieses Kontinents zu rechnen, namentlich Deutschland, wo die Anzeichen dafür schon manifest werden.

„Im Gesamtkontext der Kollision des postmodernen Kapitalismus mit der islamischen Herrschaftskultur wird [der] aufklärungshumanistische Kernaspekt der kulturellen Moderne negiert bzw. von den westlichen Herrschaftsträgern mehrheitlich verraten“, schreibt in einer hochkomplexen Voruntersuchung zum Buch sein Verleger Hartmut Krauss. Er legt damit die Grundformel frei, die Zenklusen desweiteren als die in Frankreich aktuell prozessbestimmende Wesensveränderung in den tradierten gesellschaftlichen Übereinkünften erkennt: Ein „zunehmend nihilistisches Verhalten gegenüber den Grundinhalten der eigenen, europäisch gewachsenen, säkular-demokratischen Leitkultur“.

Im Mittelpunkt von Zenklusens Beschreibung, die zugleich Anklage ist und auf die er in vielerlei, der „multikulturellen“ Wirklichkeit entnommenen Beispielen immer wieder zurückkommt, steht Frankreichs „Aufklärungsverrat“ (Krauss) an sich selbst als „Vaterland der bürgerlichen Revolution“. Der Art. 10 der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vom 26. August 1789 las sich noch so: „Niemand soll wegen seiner Anschauungen, selbst religiöser Art, belangt werden, solange deren Äußerung nicht die durch das Gesetz begründete öffentliche Ordnung stört“.

Der Fortschritt ist „kultursensibel“

Dies ist die Urformel des modenen rechtsstaatlichen Säkularismus, der kein in den Welt- und Gesellschaftsbetrieb hineinregierendes religiöses Gesetz und keine diesem folgende Vorschrift über das demokratisch und rechtsstaatlich verfasste weltliche Gesetz und über seine Anwendungsvorschriften stellt. Im Zeitalter endloser und zermürbender Kopftuch- und Verschleierungsdebatten gerät diese aufgeklärt-republikanische Maxime zunehmend unter Druck. Ihre Preisgabe wird gar als „kultursensibler“ Fortschritt gefeiert, genau so, wie es die Zurückweisung jeder Kritik am Islam wird, dem man diesseits und jenseits des Rheins gerne und gerade auch von Links her den Charakter einer sozio-ökonomischen Befreiungstheologie zubilligt – sogar einer feministisch konnotierten! . . .

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