Ali Toprak: “Was wir nicht sagen durften” Integrationsgipfel

Beim Integrationsgipfel der Kanzlerin wurde nur ein Positionspapier der Migranten gezeigt. Es gab aber zwei.
Von Ali Toprak: Was wir nicht sagen durften

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ALI ERTAN TOPRAK: “Angriff auf das friedliche Zusammenleben”

Ali Ertan Toprak, Vorsitzender der Kurdischen Gemeinde, über den Kurdenkonflikt in Deutschland:
“Angriff auf das friedliche Zusammenleben”

VIDEO:
https://www.zdf.de/kultur/aspekte/ali-ertan-toprak-102.html

PAUL NELLEN:Frankreich: Wo der Judenhass zur Normalität wird

Was haben diese vier namhaften Franzosen gemeinsam: Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, Ex-Premier Manuel Valls, der Sänger Charles Aznavour und Gérard Depardieu, der Filmschauspieler, den man als den gemütlichen Obelix aus den Asterix-Filmen kennt?

Sie alle sagen noch nicht, dass es jetzt für französischen Juden „Zeit“ sei „zu gehen“. Denn genau das wollen sie ja verhindern, obwohl es dafür fast schon zu spät ist – französische Juden stellen schon seit Jahren die größten Kontingente, die nach Israel emigrieren. Trotzdem und vielleicht in letzter Minute haben jene vier Prominenten kürzlich ein Manifest unterzeichnet, das vor der zunehmenden Vertreibung der französischen Juden durch den Neo-Antijudaismus von rechts, von links und besonders vonseiten muslimischer Einwanderer warnt. Die Londoner TIMES berichtete darüber am 23. April dieses Jahres („French Jews ‚face ethnic cleansing by Islamists‘“), just zu der Zeit, als auch in Deutschland die Diskussion über antijüdische Vorfälle auf deutschen Straßen und Schulhöfen losbrach.

Immer mehr schiebt sich in den Ländern der europäischen Masseneinwanderung die Frage in den Vordergrund, ob mit der wachsenden Anzahl von Muslimen ursächlich auch der Anstieg des registrierten Antisemitismus verbunden ist. Welche positive Resonanz die arabische und iranische Israelfeindlichkeit gerade auch unter europäischen Linken und Linksliberalen erfährt, kann man jedes Jahr beim sog. „Al-Quds-Tag“ in Berlin erfahren, wenn tausende Muslime unter wohlwollend-beschwichtigender Assistenz linker Parteien und Meinungskartelle „Tod Israel“, „Völkermörder Israel“ oder auch ganz offen „Juden ins Gas!“ rufen. Konsequenzen? So gut wie keine.

Vereint im Kampf gegen Israel

Die linksorthodox-islamische Zusammenarbeit beim Kampf gegen Israel, aber auch bei der Preisgabe aufgeklärt-säkularer Errungenschaften der Moderne kommt keineswegs von ungefähr, legt jetzt der Basler Philosoph Stefan Zenklusen (*1966) in seinem im HINTERGRUND-Verlag erschienenen Essay „Islamismus und Kollaboration“ dar. Zenklusens Fokus ist auf Frankreich gerichtet. Was er von dort berichtet – „Der Beitrag von französischen und europäischen Linken und Liberalen bei der Errichtung des Islamismus und Antisemitismus“ heißt es im Untertitel –, wirkt von außen her gleichwohl wie ein Blick auf eine gesellschaftlich-politische Laborschale, in der sich gefährliche und noch gar nicht richtig begriffene Reaktionen, Verbindungen und Prozesse abspielen. Mit denen haben auch andere Länder dieses Kontinents zu rechnen, namentlich Deutschland, wo die Anzeichen dafür schon manifest werden.

„Im Gesamtkontext der Kollision des postmodernen Kapitalismus mit der islamischen Herrschaftskultur wird [der] aufklärungshumanistische Kernaspekt der kulturellen Moderne negiert bzw. von den westlichen Herrschaftsträgern mehrheitlich verraten“, schreibt in einer hochkomplexen Voruntersuchung zum Buch sein Verleger Hartmut Krauss. Er legt damit die Grundformel frei, die Zenklusen desweiteren als die in Frankreich aktuell prozessbestimmende Wesensveränderung in den tradierten gesellschaftlichen Übereinkünften erkennt: Ein „zunehmend nihilistisches Verhalten gegenüber den Grundinhalten der eigenen, europäisch gewachsenen, säkular-demokratischen Leitkultur“.

Im Mittelpunkt von Zenklusens Beschreibung, die zugleich Anklage ist und auf die er in vielerlei, der „multikulturellen“ Wirklichkeit entnommenen Beispielen immer wieder zurückkommt, steht Frankreichs „Aufklärungsverrat“ (Krauss) an sich selbst als „Vaterland der bürgerlichen Revolution“. Der Art. 10 der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vom 26. August 1789 las sich noch so: „Niemand soll wegen seiner Anschauungen, selbst religiöser Art, belangt werden, solange deren Äußerung nicht die durch das Gesetz begründete öffentliche Ordnung stört“.

Der Fortschritt ist „kultursensibel“

Dies ist die Urformel des modenen rechtsstaatlichen Säkularismus, der kein in den Welt- und Gesellschaftsbetrieb hineinregierendes religiöses Gesetz und keine diesem folgende Vorschrift über das demokratisch und rechtsstaatlich verfasste weltliche Gesetz und über seine Anwendungsvorschriften stellt. Im Zeitalter endloser und zermürbender Kopftuch- und Verschleierungsdebatten gerät diese aufgeklärt-republikanische Maxime zunehmend unter Druck. Ihre Preisgabe wird gar als „kultursensibler“ Fortschritt gefeiert, genau so, wie es die Zurückweisung jeder Kritik am Islam wird, dem man diesseits und jenseits des Rheins gerne und gerade auch von Links her den Charakter einer sozio-ökonomischen Befreiungstheologie zubilligt – sogar einer feministisch konnotierten! . . .

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HANNAH WETTIG: Ein Kopftuchverbot bei Minderjährigen würde Mädchen vor der Sexualisierung schützen

Ein Kopftuchverbot bei Minderjährigen würde Mädchen vor der Sexualisierung schützen
<strong>Naiv gegen den Salafismus</strong>
<em>Das geplante Kopftuchverbot für Minderjährige in Nordrhein-Westfalen wäre ein wichtiger Schritt gegen die Sexualisierung von Mädchen.</em>
Von
Hannah Wettig for <a href=”https://jungle.world/artikel/2018/17/naiv-gegen-den-salafismus”>Jungle.World</a&gt;, 26.04.2018

 

Im neuesten Streit ums Kopftuch sind die Rollen interessant besetzt: In Nordrhein-Westfalen überlegt man, ein Kopftuchverbot an Schulen für Mädchen unter 14 Jahren zu erlassen. Vehementeste Verfechterin dieser Idee ist Serap Güler, die Staatssekretärin für Integration von der CDU. Gegenwind bekommt sie aus dem Bund, vertreten durch die Integrationsministerin des Bundes Annette Widmann-Mauz, ebenfalls von der CDU.
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Dass der Streit innerparteilich brodelt, fördert zwei Erkenntnis­se zutage: Die CDU hat eindeutig immer noch keine Strategie zur Integration. Und: Wenn Unionspolitikerinnen mit Unionspolitikerinnen über das Kopftuch streiten, ist das auch nicht geistreicher, als wenn es etwa Grüne oder Sozialdemokraten tun.

So erklärte Widmann-Mauz: »Wichtig ist doch, dass wir uns fragen, wie wir an diese schwierigen Fälle rankommen: Wir müs­sen die Eltern erreichen und die Mädchen stark machen, eine selbstbestimmte Entscheidung zu treffen.«

Das ist so wunderschön nett und naiv, dass man noch mal nachschauen möchte, ob man sich nicht bei ihrer Parteizugehörigkeit getäuscht hat. Aber wer weiß, vielleicht will Widmann-Mauz wirklich Sozialarbeiterinnen dazu ausbilden, Salafisten mit Argumenten zu überzeugen. Das wäre, wenn es funktioniert, innovativ und toll und könnte zum Exportschlager werden. Die Franzosen wollen sowas auch!

Leider sieht es eher so aus, als habe Widmann-Mauz Serap Güler nicht zugehört. Das Problem, von dem Güler spricht, ist folgendes: Immer mehr Mädchen an Grundschulen tragen ein Kopf­tuch. Es sind nicht viele, aber früher gab es gar keine. Das ist
bemerkenswert, weil die konservative Interpretation des Islam ein Kopftuch erst mit dem Eintritt in die Pubertät vorsieht.

Wie Güler nicht müde wird zu erläutern, handelt es sich beim Kopftuch um eine Sexualisierung von Mädchen. Das Kopftuch ist eben kein religiöses Symbol wie das Kruzifix, das nur die Zugehörigkeit zu einer Religion signalisiert. Die Verhüllung soll vielmehr Männern dem Koran zufolge signalisieren, dass sie die Frau nicht sexuell belästigen sollen. Das impliziert, dass Männer generell Frauen belästigen würden, wenn sie zu viel weibliche Haut sähen, und daraus spricht ein ziemlich negatives Männerbild. Bisher ist man aber auch in der islamischen Welt davon ausgegangen, dass Männer ihre Triebe nur bei geschlechtsreifen Frauen nicht unter Kontrolle haben. Dass Kinder sich ver­hüllen sollen, fordern nur solche Islamisten, die auch die Kinderehe ab neun Jahren gutheißen.

Serap Güler weiß: Verhüllung von Kindern und Befürwortung von Kinderehen gehören zusammen. Eltern, die ihre Töchter
im Grundschulalter verhüllen, sind mit Argumenten, wie sie Widmann-Mauz vorschweben, kaum erreichbar.

Wer genau wissen will, was die Leute, die Kopftücher für kleine Mädchen wollen, sonst denken, kann das übrigens bei Twitter unter dem Hashtag #nichtohnemeinkopftuch nachlesen, etwa: »Die Welt von der dreckigen Idee Demokratie befreien«.

 

ASTRID MANTHEY: Kritik trotz Gegenwind

Artikel für EMMA, von FsH Mitstreiterin

FsH Mitglied Astrid ManthleyAstrid ist Gleichstellungsbeauftragte. Sie wünscht sich eine offenere Debatte über Frauenrechte im Islam – und über den Islamismus. Denn das Schweigen im Namen der Political Correctness, gerade in linken Kreisen, geht auf die Kosten der Frauen aus den Communities und in den Flüchtlingsunterkünften. Insbesondere “die geflüchteten Frauen bekommen nach wie vor nicht genügend Schutz”, klagt sie.

” . . . . .Etwas Gutes aber hat die ganze Diskussion über Islam, Islamismus und die AfD: Es wird wieder ansatzweise reflektiert, welche Errungenschaften die Arbeit für Gleichstellung und Gleichberechtigung in den letzten 100 Jahren für uns Frauen in den westlichen Ländern – und hier fokussiert Deutschland – gebracht hat!

Es sprechen auf einmal Menschen darüber, die mit dem Thema Frauenrechte zuvor überhaupt nichts am Hut hatten oder es sogar vehement abgelehnt haben. Nun, ­anlassbedingt durch die Übergriffe Silvester und die daraus resultierende Erkenntnis, dass sich das Frauenbild der vielen neu ins Land gekommenen muslimischen Männer doch komplett von dem unsrigen unterscheidet, wird viel darüber gesprochen. Wir sehen, dass im Islam, so wie er von sehr vielen Menschen im Alltag gelebt wird, Mädchen und Frauen von den Freiheiten, die für uns mittlerweile selbstverständlich sind, weit entfernt sind. Und dass diese große Diskrepanz viel Konfliktpotential birgt.

Frauen (und Männer), die sich für Gleichberechtigung und Gleichstellung einsetzen, wissen um den steinigen Weg und die vielen negativen Reaktionen auf ihre Arbeit. Ich selbst bin seit über 30 Jahren aktiv und habe die unterschiedlichsten Reaktionen auf frauenrechtliche Themen erleben können.

Gerade in der Woche rund um den Frauentag gab es prägnante Erlebnisse, die mir gezeigt haben, dass wir sehr aufpassen müssen, Erreichtes nicht zu zerstören, da sonst parallele Realitäten für Frauen entstehen.

Ich war in einer Winsener Facebook-Gruppe aktiv, die sich explizit die Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Themen auf die Fahne geschrieben hatte. Dort ging es natürlich auch um die Situation und den Umgang mit den vielen, aus unterschiedlichen Gründen zu uns geflohenen, Menschen, die aufgrund ihrer anderen Kultur, Religion, Sozialisation und Erziehung das beschriebene divergente Frauenbild haben, und zum Teil hier entsprechend auftreten. Darüber entspann sich auch die Diskussion um die Rolle der Frau im Islam.

Wie viele andere auch habe ich auf die ­Zusammenhänge zwischen dem im Islam vermittelten Frauenbild und den auch schon aus dem Arabischen Frühling bei den Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz ­bekannten sexuellen Übergriffen auf Frauen als bewusste, konzertierte Gewalt gegen Frauen in der Öffentlichkeit verwiesen. Und zwar weit vor der Silvesternacht.

Besonders ein muslimischer junger Mann in dieser Gruppe fühlte sich „in seiner Ehre“ gekränkt, und sah „seine Religion, den Islam, schlecht dargestellt“. Seine Religion sei „beschmutzt worden“, schrieb er auf Facebook, dabei sei die doch „die wahre Religion“; wir hier „würden schon sehen, zwei Jahrzehnte weiter hätten sie, die Muslime, in Deutschland die Oberhand, sie würden sich schon ausbreiten, alle anderen wären dann in der Minderheit“ usw. Und auch „er habe einen deutschen Pass, ihm könne nichts passieren“ oder „Wir würden uns vor Allah rechtfertigen müssen“.

Sehr bedenklich ist, dass fundierte Kritik am Islam, die sich auf das Verständnis von Frauenrechten, Freiheit und Demokratie bezieht, sofort massiv bekämpft und unterdrückt wird. Der junge Muslim war auch nicht der einzige. Ich habe schon zuvor mehrmals erleben müssen, dass ich als „genauso ätzend wie Alice Schwarzer“, „Scheiß-Frauenrechtlerin“ u.ä. beschimpft wurde.

Wir dürfen Erreichtes nicht zerstören . . . .  .

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Dr. JOHANNES KANDEL – Rezension zu Hamed Abdel-Samads neuem Buch: Integration. Protokoll des Scheiterns.

Hamed Abdel-Samad: “Johannes Kandel ist Politikwissenschaftler und Historiker. Er war Akademiedirektor bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin und wollte damals eine kritische Debatte übe r Islam und Migration in die Mitte der Gesellschaft holen. Er lud mich zu einer Veranstaltung der FES ein, die sehr spannend war. Doch das war in der Stiftung nicht gewollt. Seitdem Herr Kandel bei der Stiftung nicht mehr tätig ist, werden kritische Stimmen nicht mehr eingeladen, dafür aber gerne salafistische Imame von Moscheen, die unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen.Herr Kandel hat mein neues Buch über die Integration sachlich und unaufgeregt analysiert. Er nennt die zentralen Thesen des Buches ohne die Rolle des moralischen Schiedsrichters zu spielen.
Wer wissen will, worum es in meinem Buch geht, sollte diese Rezension lesen”.

Rezension

Von Dr. Johannes Kandel
16. April 2018

Hamed Abdel-Samad, Integration. Protokoll des Scheiterns.
Droemer-Verlag, München. 19,99 €

Hamed Abdel-Samads neues Buch wird, das kann man jetzt schon sagen, sicherlich wieder zum Bestseller. Es ist uneingeschränkt empfehlenswert. Der Autor hat erstens ein gut lesbares Buch in einer gelungenen Mischung aus wissenschaftlichen Erörterungen und Erzählungen vorgelegt. Zweitens befasst er sich intensiv mit der vorwiegend quantitativ ausgerichteten Migrationsforschung. Drittens bietet er einen eher „qualitativen“ Zugang zu seinem Thema (Erzählungen, Praxisberichte, Interviews). Viertens redet er – wie in seinen bisherigen Büchern – Klartext und lässt kein schwieriges Thema aus. Fünftens unterbreitet er am Schluss Lösungsvorschläge (Integration ist möglich, es braucht einen „neuen Marshallplan für Deutschland“ (234 ff.).

Auseinandersetzung mit der Migrationsforschung

Vor dem Hintergrund einander widersprechender empirischer (quantitativer) Studien, die sich häufig nur auf Teilaspekte (wie etwa den Arbeitsmarkt) konzentrieren, stellt Abdel-Samad ernüchtert fest, dass die „Wissenschaft immer mehr zu einer Glaubenssache“ geworden ist (27). Die Medien verstärken das, indem sie „einordnen“ und „bewerten“ und sich auch nicht scheuen, den „moralischen Zeigefinger zu erheben“ (27). Im Blick auf das Gelingen oder Scheitern von Integration gibt die Forschung empirisch sowohl positive Signale (z.B. Bertelsmann Studie 2017, Deutschland postmigrantisch, 2014 ff.) als auch skeptisch-pessimistische Einschätzungen. (Münster Studie, 2016, Koopmans, 2014).

Das Gelingen oder das Scheitern von Integration werden in den Sozialwissenschaften auf vier Ebenen der Integration diskutiert: 1. Strukturelle Ebene (z.B. Bildungs-und Arbeitsmarktdaten). 2. Kulturelle Ebene (umfasst sogenannte „Signifikanten“ wie „Fragen zum Kopftuch, zur Teilnahme am Sport-und Schwimmunterricht oder zur Sprachkompetenz“)3. Soziale Ebene (z.B. Freundschaften, Vereinsmitgliedschaften, Nachbarschaftskontakte). 4. Identifikative Ebene (emotionale Verbundenheit und Zugehörigkeitsgefühle zu einem Land)(33). Die Wissenschaft bietet offenbar kein klares Bild der Gewichtung und Zuordnung der komplexen Felder, denn es ist schon umstritten, welche Integrationsebene zuerst als gelungen erreicht werden sollte. Abdel-Samad zitiert den Psychologen Ahmad Mansour, der über die Studien ein vernichtendes Urteil fällt: „Ich glaube den meisten Studien nicht, die behaupten, die Integration sei auf einem guten Weg. Sie sind oft politisch motiviert, gehen nicht in die Tiefe und fangen die wirkliche Stimmung nicht auf. Die meisten Studien haben auch gar nicht die Absicht, die Realität abzubilden, sondern sie sollen der besorgten Bevölkerung ein beruhigendes Ergebnis präsentieren.“ (38).

Integrationsgeschichte

Abdel-Samad geht einen anderen Weg. Er erzählt zunächst seine eigene Integrationsgeschichte, die Hochs und Tiefs seiner Auseinandersetzung mit seinen verschiedenen Identitäten als Ägypter, Muslim und Deutscher, der nun schon fast 23 Jahre in Deutschland zugebracht hat. Er beschreibt seine Zerrissenheiten, Zweifel, Wut und Leidenschaften im Integrationsprozess. Schließlich schlussfolgert er für sich einen – radikal anmutenden – Individualismus: „Ich repräsentiere bestenfalls nur mich selbst. Ich will weder die Welt retten noch die Muslime erleuchten. Ich will nur von meinem Recht Gebrauch machen, frei zu denken und frei zu sprechen, egal wo und egal wann.“(57) Er höre nicht auf „mit der Suche nach mir selbst“ und dem sich „immer wieder neu zu definieren und infrage zu stellen. Ich brauche keine Gruppe und Gemeinschaft, die mir bestätigt, dass ich recht habe. Ich brauche nur Luft zum Atmen, etwas zum Essen und Meinungsfreiheit. All das hat mir Deutschland als freies Land zugestanden.“(58)

Woran scheitert Integration?

Sein Buch soll ein „Protokoll des Scheiterns“ sein und das zeigt er mit vielen Beispielen aus Deutschland und Europa auf. Woran scheitert die Integration? Abdel-Samad fasst zusammen: „Die Integration scheitert an Versäumnissen in den Bereichen Bildung, Erziehung und Wertevermittlung, Sie scheitert an Identitätshygiene, an Ab- und Ausgrenzung. Die rückwärtsgewandten Utopien im Kopf vieler Migranten, aber auch die nationalistischen Vorstellungen des rechten Randes in Deutschland gefährden das Zusammenleben und die innere Sicherheit. Die Integration scheitert an der Politisierung und Institutionalisierung des Islam in Deutschland, an der Naivität der Politiker und an der Passivität der friedlichen Muslime. Sie scheitert an konkurrierenden Wertesystemen und Zukunftsvisionen, an Opferhaltung und Anspruchsmentalität. Sie scheitert an Radikalisierung und der starken Emotionalisierung der Debatte um Islam und Migration und am Fehlen einer offenen Streitkultur. Sie scheitert am Begriff der Integration selbst, der für die einen ein Reizwort ist und für die anderen ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht“ (66). Seine zahlreichen Gespräche mit Migranten zeigen das Scheitern, aber auch Chancen des Gelingens. Integration kann gelingen wenn der Einzelne sich frei machen kann von der „Macht des Kollektivs“ (69), gleichviel ob es die türkisch-nationalistisch-islamistische Community ist oder die konservative muslimische Parallelwelt mit ihren zahlreichen religiös-kulturellen Geboten und Verboten (halal und haram). Dann kann Segregation durchbrochen werden. Wenn Familie, Freunde, Schule und Arbeit dem einzelnen Selbstbestimmung ermöglichen und er /sie von der deutschen Gesellschaft als wirklich Deutscher anerkannt wird. Doch das erfordert immenses Selbstbewusstsein, Durchsetzungswillen, Überwindung der Angst vor den Reaktionen aus Familie und lebensweltlichen Kollektiven. Und auch die Bereitschaft zum Bruch mit ethnisch konnotierten und religiös-kulturellen Identitäten der jeweiligen Herkunftsländer. Hier muss das Aufeinanderprallen von oft scharf entgegengesetzter Wertesystemen und religiösen Überzeugungen ausgehalten und konstruktiv bearbeitet werden. Eine Reihe derer, die den Ausbruch aus den beengenden Kollektiven geschafft haben, loben auch den Einsatz einzelner Deutscher, die ihnen halfen, sich in Deutschland zurechtzufinden.

Parallelgesellschaften in Europa

Wie unendlich schwierig die Loslösung von kontrollierenden Kollektiven ist, zeigt Abdel-Samad am Beispiel von Parallelgesellschaften in Europa auf. So hat er „No-Go-Areas“ und „gated communities“ in Migrantenvierteln aufgesucht und vor Ort recherchiert: Paris, Marseille, Brüssel, Amsterdam, Aarhus, Kopenhagen, Bonn und Berlin. Es ist erschreckend und höchst besorgniserregend wie weit hier die Segregation schon fortgeschritten ist: „Das Kollektiv bestimmt, wie sich die Individuen zu verhalten haben. Überall gibt es die gleichen Probleme mit Arbeitslosigkeit, Drogenkonsum und militantem Islamismus. Überall dort, wo das Kollektiv das Sagen hat, gibt es keine Freiheit. Und da wo die Freiheit fehlt, gibt es keine Integration“(99).

Der Staat hat hier sein Gewaltmonopol aufgegeben. Es regieren die Scharia, die Islamisten und kriminelle Clans, die ein Netzwerk von Angst und Einschüchterung gespannt haben. Bei den Dreharbeiten an diesen Orten wurde Abdel-Samad massiv behindert, bedroht und auch tätlich angegriffen. Die Öffentlichkeit soll von den unhaltbaren Zuständen nichts erfahren. Am schlimmsten ergeht es jungen Frauen, die der Kontrolle des islamischen Kollektivs ausgesetzt sind. Ihre Bewegungsfreiheit in der Öffentlichkeit ist stark eingeschränkt; eine Todsünde ist es, einen deutschen Freund haben zu wollen. Die „richtige“ Kleidung (Kopftuch) ist Pflicht. Das hierarchische, patriarchalische System des Kollektivs konzentriert sein Konzept der Ehre „in erster Linie auf die Kontrolle der Frau und ihrer Sexualität“, legitimiert es durch die Religion und begünstigt „Gewalt und Zwänge“ (115). Zwangsverheiratungen (in Deutschland erst seit 2011 Straftatbestand) und Ehrenmorde kommen vor. Hatun Sürücü musste sterben, weil sie „wie eine Deutsche leben wollte“, so sagte es ihr Bruder, der Mörder, vor Gericht.

Das Kopftuch – Unterdrückung oder „Emanzipation“?

Erneut wirft Abdel-Samad die Kopftuchfrage auf, die seit vielen Jahren die Gemüter erhitzt und scharfe Polarisierungen pro und contra hervorgerufen hat. Von den einen wird das Kopftuch als „Symbol der Unterdrückung“ und von anderen als „Selbstermächtigung“ gesehen. Immer wieder wird von Kopftuchträgerinnen, muslimischen Verbänden und manchen „feministischen“ Befürwortern behauptet, dass das Tragen des Kopftuchs freiwillig sei. Doch: „Freiwilligkeit setzt Freiheit voraus. Eine Freiheit, die aber in jenem religiös-patriarchalischem System, das das Kopftuch vorschreibt, nicht vorgesehen ist. In diesem System heißt es nicht, eine Muslima darf ein Kopftuch tragen oder eine Muslima darf darauf verzichten. Es heißt vielmehr, eine Frau, die das Kopftuch trägt, ist eine gute Muslima, und eine, die es nicht trägt, ist eine unsittliche“. (120)

Der politische Islam nutzt das Kopftuch als Teil seiner Strategie zur Demonstration der Sichtbarkeit des Islam und so geht vom Kopftuch eine moralische und politische Botschaft aus: hier regiert der Islam. Die Strategie hat Erfolg, denn die Zahl der Kopftuchträgerinnen hat rasant zugenommen. Wer keines trägt, vor allem in der Schule, gilt mindestens als Außenseiter oder „Schlampe.“ Die „Normalisierungsstrategie“ des politischen Islam trägt Früchte: Kopftuchtragen soll muslimisch „normal“ sein, obwohl es im Koran keine klare Anweisung dazu gibt. Abdel-Samad bringt Beispiele wie diese Normalisierungsstrategie aus der Mehrheitsgesellschaft auch noch unterstützt wird: Demonstrationen pro Kopftuch und die Produktion einer Barbie-Puppe mit Kopftuch.

Was kann Bildung leisten? Über „kulturelle Kompatibilität“

Dass gute Bildung ein Kernelement gelungener Integration ist, das ist ein Gemeinplatz. Umstritten ist jedoch, welche Erfolge bzw. Misserfolge hier aus den Migrantenmilieus zu melden sind. Eine Migrationsforscherin verweist auf die bei türkischstämmigen jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 gestiegene Abiturquote – auf 36% (gegenüber der Generation davor mit gerade 3%). Gleichwohl liegt der Abstand zwischen Deutschen ohne Migrationshintergrund und türkischstämmigen Schulabgängern immer noch bei 10 Punkten. Hinzu kommt eine „Abitur-Inflation“ mit einer „Absenkung des Niveaus“ (139). Abdel-Samad unterstreicht, dass die „Kultur-und Wertsysteme der Herkunftsgesellschaft“ auch das Leben in der neuen Heimat und den Bildungserfolg bestimmen(139 ff.). So ist es doch erklärungsbedürftig, warum Migranten aus dem südostasiatischen Kulturkreis besser als die abschneiden, die aus islamisch geprägten Kulturwelten kommen. (gemäß PISA Studien). Abdel-Samad zitiert einen Wirtschaftspädagogen für die Erfolgsgründe: „Ordnung, diszipliniertes Lernen, intensive Betreuung durch Eltern wie Lehrer – und die konfuzianisch-buddhistisch geprägte Kultur, die der Bildung höchste Priorität einräumt.“ (139) Der Westen wird nicht als „historischer Feind“ erlebt, sondern als Chance fürs Vorwärtskommen. Hier gibt es also eine „kulturelle Kompatibilität“ (140). Wo sich diese „Kompatibilität“ zeigt und Freiheit und Selbstbestimmung in der Kultur hohe Werte sind, findet auch stärkere Integration statt. Wo kollektive Kontrolle herrscht und Angst regiert, findet keine Integration statt. Abdel-Samad zeigt das am Beispiel junger Frauen, deren Sexualität in islamischen Milieus scharf kontrolliert wird. „Sexualität“ so spitzt er es zu, „ist der große Elefant im Raum der Integration“ (141). Mädchen in Migrantenvierteln müssen ihre Sexualität entweder „unterdrücken oder heimlich ausleben und ihre Umgebung ständig anlügen. In beiden Fällen müssen sie sich verstellen“, in beiden Fälle sind die jungen Frauen unfrei (142).

Radikalisierungen

Intensiv wendet sich Abdel-Samad den besorgniserregenden Prozessen der Radikalisierung junger Muslime zu. Lange Gespräche hat er darüber mit Ahmad Mansour, Psychologe und praxiserfahrener Jugendarbeiter, geführt. Das Ergebnis: Wenn man zu den bereits radikalisierten Dschihadisten nur in begrenztem Maße Zugang findet (für die Abdel-Samad in einem bewegenden „Brief an einen Jugendlichen“, den Appell richtet, sich zu besinnen, 172-179) so sollte es möglich sein „Frühradikalisierungen“ in der Schule zu erkennen. Islamisten hätten gelernt, ihre Radikalität medial zu verzuckern. Sie träten heute als „Krawattenislamisten“ (159) auf, in modernem Gewande und mit nicht anstößiger Sprache. So verbreiteten sie das Gift der islamistischen Herrschaftsideologie mit den klaren Regeln von halal und haram (Das vom Islamisten Chefideologen Qaradawi verfasste Buch „Erlaubtes und Verbotenes im Islam“ ist eine Art Bestseller). Die Hauptursachen der Radikalisierung seien nicht in Armut und Diskriminierung zu suchen, sondern es ist die islamistische Ideologie, die verführt, die Identität, Sicherheit, Gemeinschaft, Geborgenheit und klare Regeln verspricht. Jugendliche sehen sich aufgewertet als Kämpfer für den Islam. Mansour geht nicht von Tausenden, sondern inzwischen Hunderttausenden angesteckter Jugendlicher aus. Schulbesuche bestätigten Abdel-Samad wie die „Seuche des Islamismus“ (164) um sich greift.

Islam und Islamismus

Abdel-Samad versucht, das Verhältnis von „Islam“ und „Islamismus“ zu bestimmen. Er will das eine nicht von dem anderen trennen, wie es oft im Islamdiskurs vorkommt. Er wählt das Beispiel einer Zwiebel mit mehreren Schichten. Außen ist die extremste Schicht, des „militanten Dschihadismus“. Darunter käme die Ideologie „die die Welt in Gläubige und Ungläubige unterteilt und den Märtyrertod als die höchste Stufe des Glaubens sieht“ (170). Darunter die Millionen konservativer Muslime, die „dennoch diese Ideologie gutheißen und sich weder vom Dschihad noch vom Traum des Kalifats lösen“ (170). Und darunter schließlich die „normalen“ Gläubigen, die zwar Dschihad und Terror ablehnen, ihre Kinder aber mit Angstpädagogik erziehen „und das irdische Leben als wertlos erachten“ (170). Das ist ein gutes Bild, weil es die engen Verbindungen von Islam und Islamismus aufzeigt und deutlich macht, dass man nicht nur an der äußeren, militanten Zwiebelschicht herumdoktern darf, sondern die ganze „Zwiebel“ in den Blick nehmen muss.

Orient und Okzident und tödliche Identitäten

Abendland und Morgenland standen sich seit dem siebten Jahrhundert meistens konfrontativ gegenüber. Das ist den Köpfen von zahllosen Muslimen so geblieben, die den Machtverlust des Islam im Laufe der Geschichte nicht verkraftet haben und immer noch „vom Sieg des Islam über alle anderen Religionen und über die Ungläubigen“ träumen. Und das ist nicht nur ein Traum, „sondern ein politischer Auftrag, den Gott höchstpersönlich allen Gläubigen erteilt“ (183). Für diese Muslime ist klar, dass der Islam „nicht gekommen ist, um sich in irgendetwas zu integrieren, sondern um alles von oben zu bestimmen und den Willen Gottes auf Erden durchzusetzen“ (183). Im Islamdiskurs sieht Abdel-Samad die Radikalen auf beiden Seiten – bei den Muslimen und in der Mehrheitsgesellschaft – am lautesten und erfolgreichsten am Werk. Die Zuspitzungen im Freund-Feind Schema nehmen zu, die Polarisierungen spalten das Land, rückwärtsgewandte Utopien und idealisierte Vergangenheiten prallen aufeinander. Hier entwickelt sich eine Geisteshaltung von Denkverboten. Einschüchterung, Hass und Verschwörungstheorien, die einen rationalen Diskurs unmöglich machen. Doch wer hält die Ambivalenz dieser Polarisierungen aus und ist in der Lage, noch eine offene und ehrliche Debatte zu führen? Sowohl auf Seiten der Muslime als auch der Mehrheitsgesellschaft gibt es da eklatante Schwächen und Widersprüche. Abdel-Samad fragt sich zu Recht, wo die „friedliche, schweigende Mehrheit der Muslime“ bleibt (207). „Warum lässt sie zu, dass der politische Islam die größte Mobilisierungskraft im Land behält? Warum überlässt man den reaktionären und radikalen Kräften den öffentlichen Raum, um sich dann darüber zu beschweren, dass das Bild des Islam in der Öffentlichkeit schlecht ist?“ (207). Es wird den wenigen „liberalen“ Muslimen (siehe Ibn Rushd Goethe Moschee) nicht genügend geholfen, sie werden im Gegenteil vom organisierten Islam noch heftig angegriffen. Das sind düstere Aussichten für den Verbandsislam, der „jeder Liberalisierung entgegensteht“ (209). Abdel-Samad geht mit „Rechten“ und „Linken“ gleichermaßen ins Gericht. Unverständlich bleibt ihm, warum Linke im Blick auf den konservativen Islam plötzlich ihre linken Werte zurückstellen, das Kopftuch verteidigen, Muslime als Opfer von Kolonialismus und Imperialismus sehen und sich mit dem politischen Islam gegen Amerika und Israel verbünden. Islamkritiker wie Abdel-Samad werden von dieser Seite als „Rassisten“ und Anti-Islam „Hetzer“ geschmäht. Die „Rechten“ verurteilt er wegen ihrer pauschalen Angriffen auf die vermeintliche „Lügenpresse“ und ihre kruden Verschwörungstheorien.

Flüchtlinge

Gerade in dieser hochemotionalen Frage hätte ein offener Dialog stattfinden müssen. Doch das geschah nicht, sondern die Vertreter einer „Willkommenskultur“ denunzierten alle die als „Rechtspopulisten“, die nur Fragen danach stellten, ob das alles zu schaffen sei und wie so große Flüchtlingsmengen integriert werden könnten. „Was fehlte war eine sachliche Analyse ohne Denkverbote. Was fehlte und fehlt, ist ein klares Konzept, das nicht nur auf kurzfristige Erfolge abzielt, sondern langfristig ausgerichtet ist. Das alle Ebenen umfasst – von der Bildung über den Arbeitsmarkt bis hin zum Wohnungsmarkt – und nicht genauso kopflos und unter falschen Prämissen agiert wie seinerzeit bei den Gastarbeitern“ (213). Abdel-Samad hat Flüchtlinge für sein Buch befragt, allerdings eine Auswahl von Menschen, die engagiert und zum Dialog aufgeschlossen waren. Gleichwohl war es selbst bei diesen erschreckend, in welchem Umfang, die mitgebrachten konservativ-patriarchalischen Wertsysteme das Alltagsverhalten, insbesondere im Blick auf die Kindererziehung, bestimmten. Auch Antisemitismus und Antiisraelismus ließen sich feststellen. Die gesprächsoffenen Flüchtlinge klagten über Radikalisierung und Einschüchterung in den Flüchtlingsheimen, ein nicht zu unterschätzendes Phänomen. Einen offenen, fairen Diskurs und der Wille, die anstehenden Probleme zu überwinden, gibt es gegenwärtig nur zaghaft.

Einen neuen Marshallplan für Deutschland

Abdel-Samad belässt es erfreulicherweise nicht dabei, nur die Problemlagen und die Gründe des Scheiterns der Integration scharfsinnig zu schildern. Er fordert, etwas pathetisch, einen „neuen Marshallplan“ für Deutschland und nimmt den Staat, die Justiz, die Polizei, die Wirtschaft, die Schulen, die Zivilgesellschaft, die „Rechten“, die „Linken“, die Medien, die Islamverbände, die Kirchen, die Migrationsforschung und die Flüchtlinge in die Verantwortung. Dies ist ein starker Schluss seines Buches, denn für alle der Genannten hat er durchaus praktische Vorschläge. Eine ganze Reihe dieser sind zwar nicht neu, aber werden erneut mit Nachdruck formuliert.

Der Staat muss sich das „Gewaltmonopol zurückholen“ und mit einer Null-Toleranz Politik, die Kontrolle in den No-Go Areas zurückgewinnen. Ferner gilt es, die kriminellen Clans zu zerschlagen. „Unterwanderung“ muss verhindert werden, es darf keine „Sonderkollektivrechte“ im Namen der Religion geben. (..) „Sensible Bereiche wie Polizei und Justiz müssen vor einer Unterwanderung durch Islamisten, Nationalisten und Clans geschützt werden.“ (238) Eine Paralleljustiz wie durch sogenannte Friedensrichter darf man nicht dulden. Statt die konservativen Verbände zu stützen und damit die „Institutionalisierung des politischen Islam“ zu begünstigen, sollte sich der Staat neue Verbündete suchen: „muslimische Wissenschaftler, Intellektuelle, Künstler, Sportler, Menschen – und Frauenrechtler…“ (239) und schließlich sollte der Staat endlich ein Einwanderungsgesetz verabschieden.

Im Bereich der Justiz empfiehlt Abdel-Samad neben der Aufstockung von Ressourcen und Personal mehr Härte gegenüber Straftätern. Gesetzeslücken, die bei straffällig gewordenen Asylbewerber oder Intensivtätern mit Migrationshintergrund, Abschiebung verhinderten, müssten geschlossen werden. Es müsste auch ein „Ausbau bzw. Umbau des Grundgesetzes“ überlegt werden (241). Dieser Vorschlag bleibt etwas vage. Es bräuchte, so der Autor, „neue verpflichtende Artikel für die Bürger, was freie persönliche Entfaltung und die Gleichberechtigung von Mann und Frau“ betrifft (241). Konkret fordert er aber, dass Väter, die ihren Töchtern verböten, Sport zu treiben oder an Klassenfahrten teilzunehmen, juristisch belangt werden müssten.
Abdel-Samad weiß sicherlich, dass er mit seiner Forderung nach einer Modernisierung des Staatskirchenrechts und der damit verbundenen Prüfung der Anordnung und Bedeutung des Art.4 GG (Religionsfreiheit) in ein Wespennest stößt. Über die Grenzen der Religionsfreiheit (und die verfassungsimmanenten Schranken des Art.4) ist seit langem politisch und juristisch heftig gestritten worden (siehe die Kopftuchurteile des BVerfG). Für eine Änderung des GG, das die bisherige religionsfördernde Rechtsprechung zugunsten der Rechte Dritter (z.B. Elternrechte) oder Güter von Verfassungsrang (z.B. staatlicher Bildungsauftrag, Gleichberechtigung) korrigierte, gibt es zurzeit keine politische Mehrheit. Abdel-Samad ist ein Verfechter stärkerer Laisierung („Religion als Privatsache“) und sehr skeptisch gegenüber einem bekenntnisgebundenen Religionsunterricht. Seine Bedenken sind im Blick auf die möglichen islamischen Träger eines solchen Unterrichts (die konservativen Verbände!) und die Besetzung islamischer Lehrstühle mit konservativen Theologen sicherlich berechtigt. Es ist in der Tat fraglich, ob ein solcher Unterricht, wie es die Befürworter erhoffen, ein Gegengewicht zu den konservativ-patriarchalischen Wertesystemen in Familie, Koranschulen und Moscheen bilden könnte. Er plädiert deshalb für einen „Islamkundeunterricht“ (157) an dem alle Schüler teilnehmen sollten. Dies müsste dann in 16 Bundesländern neu verhandelt werden, ein politisch hochbrisantes Unternehmen mit sehr zweifelhaftem Erfolg.

Für die Polizei fordert Abdel-Samad, dafür zu sorgen, dass der Beruf attraktiver wird: bessere Bezahlung, bessere Ausbildung und bessere Überprüfung von Bewerbern, um „mögliche Verbindungen zu antidemokratischen Ideologien oder radikalen Gruppen auszuschließen“ (243).

Die Wirtschaft müsse sich für eine Modernisierung des Bildungssystems einsetzen und die Digitalisierung befördern.

Der Schule komme im Integrationsprozess eine Schlüsselrolle zu. Sie dürfe nicht nur bloße Wissensvermittlung sein, sondern müsse Raum für Debatten und Kreativität bieten. Heikle Themen für muslimische Schüler, Patriarchat, Religion, Sexualität und Selbstbestimmung müssten in einer Schule, deren Ziel Aufklärung sei, angesprochen werden. Dazu brauche es besser ausgebildete Lehrer, die auf Konflikte vorbereitet seien und eine „offene Streitkultur“ eröffnen könnten (246).

Die Zivilgesellschaft solle eine „neue Wertedebatte“ führen, die Lagerbildung vermeidet und Demokratie stärkt. Muslime sollten nicht mehr als „einheitliches Kollektiv“ gesehen werden, sondern als Individuen und gleichberechtigte Bürger akzeptiert werden. (249).

Die „Linken“ werden aufgefordert, ihr einseitiges Deutschlandbild zu korrigieren und Werte wie Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung und sexuelle Freiheit hochzuhalten. Sie sollten auch ihre „Allianzen mit autoritären Kollektiven“ beenden.

Gegenüber den „Rechten“ stellt Abdel-Samad zunächst sachlich fest, dass die AfD aufgrund einer demokratischen Wahl in den Bundestag gekommen sei. „In einer Demokratie muss es möglich sein, diese unbequeme Partei auszuhalten und sich konstruktiv mit ihr auseinanderzusetzen. Sie zu dämonisieren ist überheblich und hilft niemandem“ (251). Er mahnt dann aber an, dass berechtigte Islamkritik nicht zur Ausgrenzung von Muslimen führen dürfe. Man müsse zwischen den Menschen und der Ideologie unterscheiden. Muslime dürften nicht ausschließlich als „Problemfälle“ wahrgenommen werden. Fremdenhass und Hetze dürften keinen Platz in der AfD haben (253).

Abdel-Samads Medienkritik ist nur allzu berechtigt. Statt sorgfältiger journalistischer Recherche mit dem Ziel der Wahrheitsfindung, seien einseitige Parteinahmen bei den Themen Islam, Flüchtlinge und Integration zu beobachten. Die einen spielten die Probleme herunter, die anderen bauschten sie auf. Es müssten Misserfolge und Erfolge der Integration ohne Vergröberung der Problemlagen aber auch ohne „Idealisierung“ offen benannt werden (255).

Die Existenz der (von ihm oft kritisierten) Islamverbände hält der Autor für „legitim“, obwohl sie oft den falschen Anspruch erhöben, für alle Muslime zu sprechen. Wer Körperschaft des öffentlichen Rechts werden wolle, müsse die „deutschen Werte nicht nur annehmen, sondern diese auch vermitteln“ (256). Hier wäre es hilfreich gewesen, noch einmal zu verdeutlichen, was unter „deutschen Werten“ zu verstehen ist. Die Verbände müssten vor allem „aus der Kontrolle ausländischer Regierungen und Gruppen“ heraus (256). Die finanzielle Abhängigkeit, die zu weiterer „Stagnation und Radikalisierung“ führe, müsse beendet werden. Ferner empfiehlt Abdel-Samad, eine neue „Minoritätentheologie“ zu entwickeln. Islamwissenschaftler und muslimische Rechtsgelehrte mögen hier spontan an die Konzepte eines Minoritätenrechts (fiqh al-aqualliyat) denken, wie sie z.B. der Islamist Yussuf al-Qaradawi und der der in den USA lehrende Wissenschaftler Taha al-Alwani entwickelt haben. Doch von diesen Konzepten, die eine Art „Scharia Light“ für die muslimische Minderheit im Westen formulierten, ist Abdel-Samad weit entfernt. Er orientiert sich an dem Talmudgelehrten Mar Schmuel, der für die Juden in babylonischer bzw. persischer Gefangenschaft das Prinzip formuliert hatte: Das Gesetz ist das Gesetz des Herrschers. Juden sollten danach grundsätzlich verpflichtet werden, „die Gesetze des Landes, in dem sie leben, zu respektieren und zu befolgen.“ (256). Auch an der jüdische Aufklärer des 18. Jahrhundert Moses Mendelssohn (1729-1786) kann als Vorbild präsentiert werden. Dieser habe die Juden zur Integration in Deutschland mit den Worten ermuntert: „Seid Juden zu Hause und deutsch auf der Straße“. Ferner nennt er den dänischen Pfarrer Grundtvig und die muslimischen Bosniaken, die im 19. Jahrhundert eine Minoritätentheologie entwickelt hätten. Schließlich empfiehlt er den Verbänden trotz fortbestehender „Diskriminierungen“ aus der Opferhaltung herauszukommen. Auch das ist nun eine immer wieder vorgetragene Forderung.

Die Kirchen kritisiert Abdel-Samad wegen ihrer Dialogpolitik, die seiner Meinung nach aber mit den „falschen Akteuren geführt“ wird (258). Die Kirchen dürfen sich nicht zu „Komplizen des politischen Islam“ machen und sollten „auch mit den säkularen kritischen Christen und Muslimen den Dialog“ betreiben. Interessant ist, dass der Autor auf die Rede von Papst Benedikt XVI. vom 12. September 2006 (nicht wie im Buch angegeben 2008)(259) Bezug nimmt und sie als guten Anstoß zum Dialog preist. In der Rede ging es um „Glaube und Vernunft“ und in einem inkriminierten Zitat auch um die dunkle, die Gewaltseite, des Islam. Die Rede hatte ja wütende Reaktionen in der islamischen Welt hervorgerufen und zu Gewaltausbrüchen geführt. Der Papst ruderte, völlig unnötig, zurück, und ein Einstieg in einen neuen substantiellen Dialog war das nicht.

Die Migrationsforschung mahnt Abdel-Samad, sich nicht mit den Objekten ihrer Forschung zu identifizieren. Man dürfe den Menschen weder Angst machen, noch ihnen die Angst nehmen. Außerdem brauche es eine Studie zur Situation muslimischer Frauen und zur Frühradikalisierung.

Und schließlich ganz zum Schluss hat der Autor noch einige Ratschläge an die Flüchtlinge. Sie sollten nicht Krankheiten importieren, die ihre Länder kaputt gemacht haben: „Fanatismus, Intoleranz, sektiererische Gewalt und Antisemitismus“ (261). Sie sollten Geduld mit ihrer neuen Heimat haben, denn diese muss auch Geduld mit ihnen aufbringen.

Ein Fazit: Wiederholt forderte der Autor in seinen Schriften und Vorträgen zu einer offenen und ehrlichen Debatte über die drängenden Probleme auf. Das kann man nur unterstützen. Es braucht eine faire, von Respekt geprägte Streitkultur. Dazu hat Hamed Abdel-Samad einen hervorragenden Beitrag geleistet.

 

PAUL NELLEN: Was geht uns die Scharia an?

Nach dem Terroranschlag von Barcelona hören wir es auf allen Kanälen. Die Kanzlerin spricht es aus, aber auch die Tatzeugen vor Ort sagen es in die Mikrophone: Sie dürfen und sie werden uns nicht besiegen! Wir leben unser Leben weiter wie bisher! No pasaran! Und: Wir haben keine Angst! Das klingt wie Trotz in der Trauer, ein Schlachtruf, aus dem Schluchzen herausgepresst. Er soll uns Mut machen. Doch jeder weiß: die Anschläge und Einstiche kommen näher, können aus heiterem Himmel jeden treffen. Und beim nächsten Mal hören wir wieder die gleichen Beruhigungs- und Trotzformeln, ergänzt mit Zahlen der Statistiker. 814 mal größer ist die Wahrscheinlichkeit, bei einem Verkehrsunfall sein Leben zu verlieren, und 2045 mal größer, bei einem Unfall im eigenen Haushalt zu sterben als bei einem Terrorangriff. Trotzdem meiden immer mehr Menschen größere Veranstaltungen, seien es Volksfeste, Konzerte oder Ausstellungen. Das Unbehagen wächst.

Da kann nicht einmal das militärische Ende des IS in Syrien und im Irak Hoffnung geben. Denn „Islamischer Staat“ ist, wer sich dazu zählt, also im Prinzip jeder strenggläubige Muslim. Der „IS“ braucht schon längst keine Grenze, kein Staatsvolk und keine Staatsgewalt mehr, wie die Drei-Elemente-Lehre des Staatsrechtlers Georg Jellinek es im 19. Jahrhundert noch vorsah. Jeder Muslim, der den Islam so auslegt und den Koran so liest, wie es der „IS“ tut, kann als Einzelner oder mit einigen Gesinnungsbrüdern zur Terrortat schreiten, ein Messer ergreifen, einen Klein-LKW in eine Menschenmenge steuern, eine Bombe zünden. Der Islam ist alles, du bist nichts, so tickt es im Extremisten. Daran, so heißt es neuerdings, hätten wir uns zu gewöhnen; das sei sogar „unverzichtbar“, so Christiane Peitz im „Tagesspiegel“ am Tag nach dem Attentat von Barcelona.

Mag sein. Dann aber, so der Kommentator „woerlitzer“ auf der Webseite des Peitz-Artikels, sollte diese Einstellung nicht nur gegenüber islamistischem Terror gelten. „Wir müssen uns“, schreibt er sarkastisch, „daran gewöhnen, dass Asylbewerberheime angezündet werden. Wehe dem, der das schriebe. Völlig zu Recht würde er ausgegrenzt. Aber den Islamgläubigen sozusagen das Recht auf Terror zuzubilligen (nichts anderes tut die Autorin), das ist in Ordnung.“

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